P. Herbert Douteil CSSp
Dona Noeme, die mit 84 Jahren älteste Bewohnerin des Liberdade
Diözese Cruzeiro do Sul / Brasilien

Missionsarbeit am Oberlauf des Amazonas

Seelsorgereise zum Liberdade
Cruzeiro do Sul, den 09.11.2004 – 25. Jahrestag meiner Ankunft in Cruzeiro


Der unberechenbare Fluss erfordert höchste Aufmerksamkeit von Motorist França.
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Die Fahrt zum Liberdade hatte ich am Montag, den 25. Oktober begonnen – es lief alles wie im Bilderbuch, das ja auch nicht nur seine Lichtseiten haben sollte. Um es gleich zu sagen: Es gab viel mehr Licht als Schatten!
Und dafür, dass keine Langweile bei den 28 Gottesdiensten mit knapp 1.400 Besuchern auftauchen konnte, sorgten schon allein die 500 gehörten Beichten und die vielen herumkrabbelnden und manchmal auch schreienden Kinder in den so gefüllten Häusern, Schulen und Kapellen!

Während der 31 Stunden bei praller Tropensonne, bei Regen und Wind auf dem Steven des Kanu gab es ebenfalls keine Langweile, auch wenn der Urwald bei den (gezählten) 130 Flußschleifen immer so einförmig zu sein scheint. Dieser Fluß mit seinen vielen Holzanschwemmungen verlangt die größte Aufmerksamkeit. Motorist França war immer wieder zu unglaublichen Slalommanövern gezwungen – und das mit einem knapp sieben Meter langen Metallboot und einem etwa anderthalb Meter langen Schwanzmotor. Es war nicht seine Schuld, dass wir dieses Mal durch das Anschlagen an im Wasser versteckten Holzstümpfen drei Schiffsschrauben verloren! Sein Einsatz war wirklich keine Kleinigkeit und mehr als abenteuerlich zumal im schmalen und unglaublich kurvenreichen Nebenfluß Forquilha, deren Siedlung wir dieses Mal mit unglaublicher Mühe erreichen konnten. Allerdings musste França all sein Können aufwenden und auch zur Axt greifen, um einen dicken Baumstamm zu durchschlagen, der uns die Weiterfahrt versperrte.

Eine besondere Freude sind immer wieder die besonderen Lieblinge Gottes, die farbigen Schmetterlinge. Was sich unter der lehmig-gelben Wasseroberfläche alles verbergen mochte, entzieht sich allerdings den Blicken. Von den früher so zahlreichen Kaimanen haben wir keinen einzigen gesehen, und nur drei Flussschildkröten – die Ausrottung der einheimischen Tierwelt geht also weiter, und die Rodung ist nur durch die Regenzeit ein wenig gestoppt worden!

Was die Beteiligung an den Gottesdiensten angeht, so war die Reise genau zweigeteilt: Weniger als gewöhnlich am Oberlauf – stärker als sonst am Unterlauf. Eine Erklärung kann ich nicht geben, sondern nur die Tatsache berichten. Doch muß ich sagen, dass in allen Gottesdiensten das Interesse der Menschen, die erschienen waren, überaus groß war. Iim Mittelpunkt stand bei mir und dem Katecheten França immer die Eucharistie – feiern wir doch das vom Papst verkündete Jahr der Eucharistie! Daß dazu auch die Katechese und die Beichte als Vorbereitung auf einen würdigen Empfang gehören, ist selbstverständlich.

Die wirtschaftliche Lage der Leute hat sich leider nicht zum Besseren gewandelt. Zwar begegneten uns immer wieder unglaublich beladene Kanus voller Säcke mit Maniokmehl, auf denen noch Menschen saßen. Doch ist der Preis sehr stark gesunken, weil durch das Preishoch des letzten Jahres und der ersten Monate dieses Jahres alle Bauern sich dazu haben verleiten lassen, nur Farinha zu erzeugen – mit dem zu erwartenden Preisrutsch durch das Überangebot. Mein Rat, doch auch Reis, Mais und Bohnen anzubauen und so die Produktion auf mehr Beine zu stellen, wird vielleicht jetzt auf offenere Ohren stoßen! Die Klagen über unerlaubtes Jagen und Fischen von Fremden mit der spürbar damit einhergehenden Verknappung von Fisch und Jagdwild war überall zu hören.

Die Menschen beklagten ebenfalls, dass die letzte Zeit wegen der Wahlperiode zwar viele Versprechungen und Projekte, aber wenig greifbare Ergebnisse gebracht hätte. So sah ich Dutzende von angefangenen Häusern, die zwar die Wahlplakate zeigten, aber außer den Dächern und Seitenpfosten nichts aufzuweisen hatten. Die Wahl verlief durch den massiven Einsatz der Polizei am 4. Oktober an den Wahlorten friedlich. Unglaublich aber ist die Zahl der Anschuldigungen vom Missbrauch der Macht bei den bisher Regierenden in der Vorwahlzeit, von denen leider fast alles von der korrupten Justiz einfach unter den großen Teppich gekehrt wurde. Ob die Korruption ab der am 1. Januar beginnenden nächsten Regierungszeit geringer und die Lage für die Menschen besser wird und einige der versprochenen Projekte in die Wirklichkeit umgesetzt werden? Ob den Menschen endlich zumal die verheißene und erforderliche bessere medizinische Versorgung gewährt wird?

Meine Gesundheit hat dieses Mal erstaunlich gut durchgehalten – der gewöhnlich auftretende Durchfall zeigte sich erst an den drei letzten Tagen (allerdings da so stark, dass es für die ganze Fahrt gereicht hätte). Aber er war so "anständig", dass ich alle Messen und Abendandachten ohne Unterbrechung feiern konnte. Das Wetter hat uns auch verwöhnt: Wir hatten zwar viel Regen (Bruder Albert hat während der beiden Wochen der Fahrt hier in der Stadt genau 201 mm Niederschlag gemessen!), aber nur zweimal musste ich den Regenumhang benutzen – sonst fiel Regen nur, als wir schon im Haus waren oder des Nachts. Heiß war es auch meistens – manchmal bis an die Grenze des Erträglichen, wenn ich bei den Beichten wegen der Schwüle und Müdigkeit sogar einnickte – sicher nicht zum Schaden der reuigen Sünder!

Die nächste Desobriga im Liberdade ist für das Jahresende bereits angesagt. Dann wird die Firmung der Jugendlichen im Vordergrund stehen. Denn sie sind es, auf denen die Hoffnung ruht – und viele von ihnen setzen sich schon sehr positiv ein, wenn sie z.B. Jugendgruppen bilden und mit ihnen benachbarte Gemeinschaften besuchen und dort priesterlose Gottesdienste halten!

Eine neue Kapelle ist bereits im Bau – eine andere wird bald begonnen, wozu ich eine Beihilfe versprochen habe. Allerdings musste ich die Leute bitten, in Zukunft mehr für die Begleichung der Unkosten einer solchen Reise zu tun. Es kann nicht dabei bleiben, dass ich 500 Reais ausgebe, aber durch die Tauf- und Hochzeitstaxen nur 230 einnehme! Ich bin sicher, dass die Menschen meinen Appell verstanden und wohlwollend aufgenommen haben!


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