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Das letzte Aufgebot...
Reflexionen anlässlich meines 75. Geburtstags
Cruzeiro do Sul, den 20.09.2010
 Geburtstagskuchen mit einem Teil der Gemeinde
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75 Jahre des Lebens liegen hinter mir - hat es sich gelohnt? So fragte ich mich unwillkürlich am 24. August, als dieses 75. Jahr zu Ende ging. Was lag doch nicht alles hinter mir? Die Kindheit noch während der Zeit des Nationalsozialismus mit Bomben, Evakuierung und trotz der damals erst 9 Jahren sogar Einberufung zur Hitlerjugend - das Studium am Gymnasium Thomaeum in Kempen und dann bei den Spiritanern in Menden - das Noviziat in Heimbach mit den Gelübden und das Philosophie- und Theologiestudium in Knechtsteden - die Priesterweihe am 1. Mai 1961 in Knechtsteden - das Studium der Schulmusik, des klassischen und mittelalterlichen Lateins in Köln mit dem Abschluß der Doktorarbeit und des Beginns der Habilitation, von der die zweite Arbeit wunderbarerweise Ende letzten Jahres veröffentlicht wurde - 17 Jahre lang Tätigkeit als Hilfsseelsorger im Vinzenz-Hospital in Nippes und in den umliegenden Pfarreien - vor 31 Jahren Ausreise nach Brasilien, hier Übernahme der Leitung des Kleinen und Großen Seminars der Spiritaner - Seelsorge unter Gummischneidern, Indios und Siedlern mit langen, gefährlichen und manchmal halsbrecherischen Fahrten mit Canoas und Drei- und Vierrädern über Flüsse und die in der Regenzeit fast unpassierbaren Alptraumstraßen der Transamazônica und der Siedlungswege, mit mehr als einem Dutzend Möglichkeiten, daß ich Hals und Kragen brach und das Leben verlor (wobei der Kopfstreifschuß durch Drogenhändler in Rio de Janeiro nur die auffälligste war) - Ausbildung von Katecheten, von Seminaristen - Aufbau eines Netzes von Armenapotheken, einer Augen- und Zahnklinik, des Werkes "Jesuskind von Nazareth" für behinderte Kinder und ihre Familien - Veröffentlichung von mehr als 20 Büchern - Aufbau von drei Museen, von denen zwei dem Staat übergeben wurden - vor zwei Wochen endlich Fertigstellung von 40 Miethäusern zur Sicherung der finanziellen Grundlagen der Diözese - gemeinsam mit Pe. Guilherme Stader für drogenabhängige Jugendliche Aufbau des ""Bauernhofes der Hoffnung" in Mâncio Lima, der am 12. Dezember eröffnet werden soll - seit mehr als zehn Jahren tägliche Radio- und Fernsehprogramme von jeweils einer Stunde - mehr als drei Jahre lang Generalvikar der Diözese, wozu der Bischof mich heute wieder berufen hat - seit einigen Monaten Vertreter unseres erkrankten Distriktsobern...
 Ausblasen der Kerzen, die aber immer wieder aufflammten...
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Gestern gab es aus Anlaß des Geburtstages bei den Kapellenbesuchen und nach den Messen Kuchen und Getränke für alle, besonders für die Kinder. Ich hatte angeboten, daß ich die Hälfte der Auslagen für das Material bezahlen würde. Doch als ich fragte, was ich schuldig sei, war die Antwort: "Padre, Sie haben viel mehr verdient als nur diesen Kuchen!" Es wurden immer zwei "Wunder"-Kerzen mit den beiden Zahlen 7 und 5 angezündet, die ich ausblasen mußte, die aber immer wieder aufflammten - und immer wurde gezählt, wie oft sie sich wieder entzündeten, weil dies für die Leute einen Hinweis geben soll, wie viele Jahre des Lebens mir noch bleiben - demnach könnte ich also 85 werden -, und ich sagte (ohne daran zu denken, daß ich den sterbenden heiligen Martin von Tours zitierte): "Mir wäre es am liebsten, wenn ich bald sterben könnte, ich habe keine Angst vor der Arbeit, und Euretwegen halte ich so lange aus, wie der Herrgott es will - denn ich sehe leider keinen Nachfolger, der meine Tätigkeit hier bei Euch in SŠ Luzia übernehmen könnte!"
 Katecheten beim letzten Treffen
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Heute nun kam Dom Mosé, und er sagte, daß er im Moment niemanden wüßte, der das vakante Amt des Generalvikar übernehmen könnte - ich lehnte dieses Amt nicht ab, weil es ja das verantwortungsvollste ist, welches ein Bischof anbieten und vergeben kann, aber ich komme mir vor wie das letzte Aufgebot des Volkssturmes am Ende des Krieges
Ob dies richtig ist? Als alter Mann neigt man natürlich zu Pessimismus, doch glaube ich nicht, daß er berechtigt ist. Denn vorgestern und gestern hatten wir hier eine Diözesanversammlung der Mitbrüder aus den Pfarreien, ihrer Mitarbeiter und der in der Seelsorge tätigen Laien. Es wurde sehr intensiv über alle Schwierigkeiten gesprochen, besonders über die Vorbereitung der von Laien getragenen Volksmissionen in den Pfarreien, über die Ausbildung dieser Laien, über die Besonderheiten in den einzelnen Pfarreien und die guten Beispiele, die wir schon haben.
 Indiokatechet mit seinem Federschmuck
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Auch aus SŠ Luzia nahm einer der Katecheten teil, meldete sich eifrig zu Wort und sprach für die anderen neun, die ich dort ausbilde - wie sollte ich meinen, daß Christus seine Kirche hier verlassen hätte, nur weil ich älter werde und täglich ausfallen kann? Stehen doch junge und einsatzwillige Mitbrüder und begeisterte Laien bereit, die Sache Christi weiter zu führen!
Morgen werden wir den nächsten Priesterrat haben, bei dem Bischof Mosé mich offiziell als neuen Generalvikar vorstellen wird. Auch dort werden wir ehrlich über die Möglichkeiten sprechen, die uns trotz der viel zu geringen Zahl an Mitbrüdern haben, die Pfarrseelsorge und auch die Ausbildung der Seminaristen und jungen Priester vorschriftsmäßig weiterzuführen - wenn ich mir einreden ließe, ich stünde alleine auf weitem Posten, so wäre ich mehr als undankbar und unredlich!
Meine lieben Freunde, die Ihr bis hierher gelesen habt, werdet auch wissen, worum ich Euch - einen jeden von Euch! - herzlich bitte: Nämlich um die Hilfe des Gebetes! Gestern hatte ich die zweite Messe in der Kapelle, welche der "Trösterin der Betrübten" geweiht ist. Dort sehe ich hinter der vom Hl. Vater Johannes Paul II. gesegneten Kopie des Gnadenbildes von Kevelaer das Altarretabel von Altorfer, welches die Freuden Mariens zeigt und das ich vom Bayerischen Nationalmuseum geschenkt bekommen habe. Daneben hängt das Ex-voto mit der eingearbeiteten Kugel, welche am 21. Mai 1994 meinen Kopf streifte -, Zeichen meines Dankes für den so offensichtlichen Schutz - dort habe ich auch das nächste Jahr in die Hände Mariens gelegt und ihr anvertraut.
So Gott will, werde ich dann gemeinsam mit den noch lebenden Mitbrüdern Albert Claus und Johannes Henschel am 1. Mai in Knechtsteden und später in der Heimatpfarrei auch das Goldene Priesterjubiläum feiern. Wie viel Segen habe ich, haben wir vermitteln dürfen - wie viele Kinder taufen, Jugendliche firmen und zu Erstbeichte und -kommunion führen, Ehen schließen, die hl. Ölung geben und auch zu Grab geleiten können - wie viele Messen feiern, stellvertretend für wie viele Brevier und Rosenkranz beten...
Liebe Freunde, laßt mich alles zusammenfassen in jene Worte, die vor gut 120 Jahren Guido Maria Dreves nach Worten der Hl. Schrift in Verse und Joseph von Wöß in eine Melodie kleidete, die ich seit Jugend auf liebe und niemals vergessen kann:
1. Ein Danklied sei dem Herrn für alle seine Gnade, ER waltet nah und fern, kennt alle unsre Pfade, ganz ohne Maß ist seine Huld und allbarmherzige Geduld!
2. O sei zu seinem Lob nicht träge, meine Seele, und wie ER dich erhob, zu seinem Lob erzähle; drum sei am Tage wie zur Nacht sein Name von dir groß gemacht.
3. ER istīs, auf dessen Ruf wir in dies Leben kamen, und was ER rief und schuf, ER kenntīs und nenntīs mit Namen; auf unserm Haupt ein jedes Haar, ER hatīs gezählt, ER nimmt sein wahr.
4. ER ist es, der uns trägt in Händen und erwählet, der seine Huld nicht wägt, noch seine Gnade zählet; der um uns her die Flügel schlägt und uns darunter birgt und hegt.
5. Der seinen Sohn uns gab, da wir noch Sünder waren, der läßt von uns nicht ab in Nöten und Gefahren, schirmt uns vom Kreuz mit starker Hand an Seel und Leib, zu See und Land.
6. Drum wirf die Sorge weg, laß allen Kummer fahren, wie enge gleich der Steg, wie viel des Feindes Scharen! Dein Name steht in Gottes Hand, Gott liest und schaut ihn unverwandt.
7. Gib dich in seine Hand mit innigem Vertrauen, sollst nicht auf eitel Sand, auf echten Felsen bauen, dich geben ganz in Gottes Hut, und sei gewiß, ER meint es gut!
Herzlichste grüßt Euch alle Euer Pe. Herbert Douteil, CSSp.
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